Original scientific paper
https://doi.org/10.22210/jezik.2025.72.08
Die Mühen von Stjepan Babić um eine allgemeinsprachwissenschaftliche Erklärung der Besonderheit der kroatischen Sprache
Leopold Auburger
orcid.org/0000-0001-6122-0662
Abstract
In seinem Artikel „Hrvatski književni jezik, ponajprije njim samim“ (‚Die kroatische
Literatursprache, zuallererst für sich selbst‘) erörtert Stjepan Babić das Problem, wie die
Besonderheit der kroatischen Literatursprache allgemeinsprachwissenschaftlich zu erklären
und damit auch zu bestätigren ist. Denn nach Stjepan Babić hat sich trotz einer großen Anzahl
von Beschreibungen wesentlicher Merkmale und einzelner sprachlicher Besonderheiten
noch keine allgemeinsprachliche Theorie zur Beurteilung dieser Besonderheit gefunden
(„… nije nađena općejezična teorija po kojoj bi se ta posebnost ocijenila, …“, Jezik, god.
56., br. 5., str. 163.). Dabei hält aber Stjepan Babić unbeirrt daran fest, dass die kroatische
Literatursprache eine eigenständige Sprache ist, die es als solche kein zweites Mal in der
Welt gibt („… kakvoga više nema na svijetu“, ebd.). Dieses thematische Problem, das sich
der Artikel stellt, ist aber ein Problem des Status der kroatischen Sprache als Ganzes und
nicht nur der kroatischen Literatursprache. 53
Das Interesse von Stjepan Babić an diesem Problem ist durchaus verständlich, denn
in der internationalen Slavistik, und hierbei insbesondere in der nichtkroatischen Slavistik
zur Zeit der jugoslavischen Staaten, aber auch noch nach dem Zusammenbruch des
kommunistischen Jugoslaviens, dominierte lange Zeit die Ideologie des Serbokroatismus,
der die Selbständigkeit und Gesondertheit der kroatischen Sprache bestritt und politisch unterdrückte.
Dabei wird ganz allgemein die sprachzeichenmäßie Ähnlichkeit der kroatischen
und der serbischen Sprache hervorgehoben und auf der Grundlage ausgewählter Merkmale
eine im Wesentlichen Gleichheit der beiden Einzelsprachen als Varianten einer den Serben
und Kroaten gemeinsamen und einheitlichen „kroatoserbischen“ (hrvatskosrpski) bzw.
„serbokroatischen“ (srpskohrvatski) Sprache propagiert.
Diese Lage hat sich erst mit dem Erringen der Selbständigkeit der Republik Kroatien
geändert, wodurch nämlich öffentlich anerkannt worden ist, dass die kroatische Literatursprache
auch „linguistisch“ eine besondere Sprache ist, die es in der Welt nicht noch einmal
gibt, und die als solche in die Verfassung der Republik Kroatien offiziell aufgenommen
worden ist („da je hrvatski književni jezik i poseban jezik kakvoga na svijetu više nema, a
službeno je priznat u Ustavu Republike Hrvatske.“, Jezik, god. 56., br. 5., str. 187.). Mit dieser
Aussage beendet Stjepan Babić seinen Artikel. Das Problem, das Anlass zu dem Artikel von
Stjepan Babić gegeben hat und das ihn geplagt hat, nämlich eine allgemeinsprachwissenschaftliche
Theorie zu finden, die eine Beurteilung der „Besonderheit“ („posebnost“) der
kroatischen Literaturspsrache erlaubt, bleibt aber ungelöst, wenn auch eine Lösung in dem
angeführten Schluss des Artikels implizit angedeutet ist.
Näher heran an eine Lösung des Problems kommt die Feststellung von Stjepan Babić,
dass die kroatische Literatursprache auf Grund ihrer Normen von allen anderen Literatursprachen
der Welt verschieden ist, und das in einem Maß, das nicht ignoriert werden kann.
Trotzdem wird die Eigenständigkeit und Gesondertheit der kroatischen Literatursprache
von deren Gegnern auf Grund der Ideologie des Serbokroatismus bestritten, und zwar mit
der Begründung, dass die bestehenden Unterschiede unwichtig wären (a.a.O.: 183.). Aber
damit zeigen die Bestreiter der kroatischen sprachlichen Eigenständigkeit, dass für sie die
tatsächlichen sprachlichen Unterschiede keine „emische“ Geltung haben, im Gegensatz zur
Beurteilung durch die kroatische Sprachgemeinschaft. In dieser Situation ist jedes weitere
Theoretisieren überflüssig, so dass nur eine aktive, tatkräftige Verteidigung der emischen
Geltung der kroatischen sprachlichen Eigenständigkeit hilft. Der Schlüsselbegriff einer
„emischen Geltung“, wie ihn Kenneth Lee Pike definiert hat, wird im nachfolgenden Teil
des vorliegenden Artikels genauer dargestellt.
Bei der Lösung des Problems einer Anerkennung der Eigenständigkeit und Gesondertheit
der kroatischen Sprache muss zuallererst der Begriff der „Ähnlichkeit“ geklärt werden, und
das in dem scheinbar trivialen Sinn, dass Ähnlichkeiten keine Gleichheiten sind und dass
ähnliche Gegenstände keine gleichen Gegenstände sind. Bereits Platon hat in seinem Dialog
„Sophistes“ die begriffliche Verwirrung um den Begriff der Ähnlichkeit als ein ernstes,
erkenntnismäßiges, philosophisches Problem erkannt. Als einfache Beispiele für diese Behauptung führt er den Hund als ein bestens domestiziertes Tier und den ihm ähnlichen
Wolf als eines der wildesten Tiere an.
Der Artikel von Stjepan Babić kann als Konzeption einer Ausarbeitung eines „sprachlich
identifikativen Ausweises“ verstanden werden, der im Hinblick auf sein Gesamt an deskriptiven
und erklärenden Angaben gegen einen Missbrauch und gegen eine Verfälschung
gesichert ist, da er ein jegliches Argumentieren zugunsten einer Identität der Gegenstandsbedeutungen
der einzelsprachlichen Termini hrvatski, srpski, bošnjački und crnogorski
unmöglich macht. Eine solche Beschreibung kann sozusagen als Personalausweis der kroatischen
Sprachgemeinschaft fungieren bzw. als Sprachausweis des kroatischen Volkes
und Kontrolliste zur variantenlinguistischen Beurteilung der Qualität und des Maßes an
Kroatizität fraglicher Texte und zweifelhafter sprachlicher Tatsachen. Zu diesem Zweck
führt Stjepan Babić eine Fülle an besonderen, typischen Merkmalen der kroatischen Literatursprache
an.
Der angelsächsische Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead (1861. – 1947.)
hat Platons Erkenntnis in seinem Hauptwerk „Process and Reality“ als ein erkenntnistheoretisches
und methodologisches Grundprinzip definiert. Um der angeführten Art von
Täuschung bei Ähnlichkeiten („delusive perception“) zu entgehen, ist es notwendig „… to
connect the behaviour of things with the formal nature of things. The behaviour apart from
the things is abstract, and so are the things apart from their behaviour.“ (… povezati ponašanje
stvari s formalnom prirodom stvari. Ponašanje koje je odvojeno od stvari, apstraktno
je, kao i stvar odvojena od svojega ponašanja.).10 Es ist klar, dass der Serbokroatismus die
„Dinge“, nämlich das kroatische Sprachzeichensystem vom „Verhalten“, nämlich von der
kroatischen Sprachgemeinschaft und deren Angehörigen, den Kroaten, als Schöpfern, Produzenten
und Trägern der kroatischen Sprache getrennt hat. Und gerade diese Abtrennung
und Abstraktion ist die methodologische Ausgangsstellung der serbokroatistischen Argumentation
gegen die Eigenständigkeit und Gesondertheit der kroatischen Sprache.
Der US-amerikanische Linguist und Anthropolog Kenneth Lee Pike (1912. – 2000.) hat,
so kann man sagen, das angeführte Grundprinzip von Whitehead in seiner allgemeinen,
tagmemischen Theorie der Sprache und der Struktur des menschlichen Verhaltens, und
dabei insbesondere in seinen phonologischen Arbeiten, implizit sprachwissenschaftlich
angewendet.11 Grundlegend hierbei ist die Einführung des Begriffs der emischen Geltung
(„emic“ ‚emski‘: „emic unit“ ‚emska jedinica’), d. h. des Begriffs einer von den jeweiligen
semiotischen Subjekten anerkannte semiotische Geltung der betreffenden sprachlichen bzw.
sonstigen zeichenhaften Tatsachen als solche. Dazu kommt das Erfordernis, dass dies in
Wissenschaft und Forschung mit einer „emic perspective“ und einem „emic standpoint“
berücksichtigt wird, wie dies z. B. in der Phonologie mit dem Begriff eines „Phonems“ im
Kontrast zu bloß akustischen Lauten in der Phonetik geschieht. Pike‘s semiotischer Begriff
einer „emischen Geltung“ ermöglicht es, nicht nur gegen die serbokroatistische Ideologie
die Eigenständigkeit und die Gesondertheit der kroatischen Sprache, und dabei insbesondere
der kroatischen Literatursprache, zu beweisen, sondern auch die Zugehörigkeit des Čakavischen und des Kajkavischen als integrale, lektale, subsystemhafte Komponenten zur
kroatischen Sprache als Ganzes.12
Das Ergebnis der vorstehenden Erörterung ist, dass das thematische Problem des betrachteten
Artikels von Stjepan Babić mit Hilfe der Anwendung des semiotischen Begriffs
einer „emischen Geltung“ lösbar ist.
Schlüsselwörter: kroatische Sprache, kroatische Literatursprache, Kroatisch, Einzelsprache,
sprachliche Eigenständigkeit, sprachliche Selbständigkeit, sprachliche Gesondertheit,
sprachliche Identität, semiotischer Status der Eigenständigkeit, Beurteilung der
Ähnlichkeit zwischen Einzelsprachen, Statusverhältnis zwischen Kroatisch und Serbisch,
Serbokroatismus, Bestreitung der Eigenständigkeit der kroatischen Einzelsprache, allgemeine
Sprachwissenschaft, erkenntnistheoretisches Problem, Platon, Tertullian, Stjepan Babić,
allgemeinsprachwissenschaftliche Erklärung, linguistische Beschreibung der kroatischen
Literatursprache, sprachliche identifikative Merkmale, typische Merkmale der kroatischen
Literatursprache, Sprachnormierung, sprachliche Norm, kroatische Sprachgemeinschaft,
kroatisches Volk, kroatische Nation, Alfred N. Whitehead, „delusive perception“,
Wahrnehmungstäuschung, ähnlichkeitsbedingte falsche Vorstellung, methodologisches
Grundprinzip, erkenntnismäßige Verbindung des erscheinungsmäßigen Wesens eines Gegenstandes
mit dessen Verhalten, Kenneth L. Pike, Emität, emische Einheiten, semiotische
emische Geltung, Mario Grčević, International Standards Organization, Sprachnorm ISO
639-3, SIL International
Keywords
Hrčak ID:
335005
URI
Publication date:
1.4.2025.
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