Historical Journal, Vol. 11-12 No. 1-4, 1959.
Original scientific paper
Zusammenfassung
Bogo Grafenauer
Abstract
In dieser Abhandlung wird eine kritische Würdigung der sog. »kroatischen Theorie« bezüglich der frühmittelalterlichen Geschichte der Slovenen gegeben. Zuerst gibt d. Verf. in der Form eines Berichtes über die bisherige Forschung seit Muchar bis Hauptmann (Anm. 2, 3, 5, 9, 13, 14, 16, 17, 20, 22, 25, 30, 32, 45, 46) eine Übersicht der mittelalterrlichen kroatischen Siedlungsspuren in den Ostalpen (vergi, auch d. Legendezeichen VI in der Karte). Mit ihnen ist jedenfalls eine frümittelalterliche kroatische Siedlungswelle nach diesem Raum bewiesen, aber ihr Umfang ist wesentlich kleiner als der vom Prof. Hauptmann angenommene (auf der Grundlage der Gleichung »pagus Crouuati=die südliche mitelkämtnerische Grafschaft«, Anm. 22, 32). Die Urkunden aus der zweiten Hälfte d. X. Jhdts. unterscheiden nämlich in ihren Lokalisierungen durchwegs den pagus Crouuati als eine Gegend an der oberen Glan (Anm. 26; Legendezeichen XII u.XIV d.Karte) von den anderen Teilen derselben Grafschaft (Anm. 27, 25, 29; Legendezeichen XV d. Karte). Auch der Versuch, mit der diplomatischen Analyse die ausschließliche Geltung der Gleichung »pagus comitatus« zu beweisen (Anm. 32), ist für die kärntnerische Urkunden d. X. Jhdts. nicht stichhältig; bis um d. J. 1000 wird in diesen Urkunden (Anm. 39, 36—38) der Ausdruck »pagus« vielmehr durchwegs als ein Gegendname gebraucht und erst nachher bis in die zweite Hälfte d. Jhdts. als ein Grafschaftsname (Anm. ЗЗ, 34). Die geographische Lage der kroatischen Siedlungen spricht mehr für eine Siedlungswelle in der Richtung vom Nordosten nach Süden und Südwesten, als in der Richtung Dalmatien-Karantanien (Anm. 42 Kos, 46), die Vermischung der kroatischen und dudlebischen Siedlungsspuren aber lässt die Annahme zu, dass beide Siedlungswellen in die gleiche Zeit gehören — in die erste slawische Siedlungswelle nach dem Ostalpenraum um die Mitte d. VI. Jhdts. (Anm. 46), und dass diese kroatische Siedlungsspuren nicht von einer besonderen kroatischen Siedlungswelle aus der ersten Hälfe d. VII. Jhdts. zeugen. Die Nachricht Konstantins Porphyrogennetös über die Übersiedlung eines Teiles der Kroaten aus Dalmatien nach »Illyricum und Pannonien« spricht nicht dagegen; sie ist nämlich in die urtümliche Tradition interpoliert und zwar nur auf der Grundlage der Beziehungen zwischen Kroatien und Slavonien im X. Jhdt. (Anm. 43—45). Dagegen würde nur ein anderer Teil der kroatischen Theorie, die Gleichung »Edlinge (slov, kosezi, kasazi) = Kroaten« sprechen.
Die Argumentation für diese Gleichung wird im zweiten Teil der Abhandlung geprüft. Der Vergleich der Lage der Edlingersiedlungen mit der Lage der kroatischen Siedlungspuren, wo diese Gleichung ausgegangen ist (Anm. 47—53; Legendezeichen VI, VII, und VIII d.Karte), erlaubt keinen solchen Beweis. Weit überwiegend sind in den »kroatischen« Siedlungen keine Edlinger zu finden, sondern sie lebten überwiegend in solchen Gegenden, in welchen sogar keine kroatische Siedlungspuren bestehen (Ausnahmen sind nur Obermurgebiet und Mittelkärnten nördlich vom Wörthersee und bei Spittal). Ein wirklicher Zusammenhang beider Schichten ist nur in einem Teile des pagus Crouuati zu beweisen (in ca. 10°,о der Siedlungen mit den Edlingern in Kärnten!), was aber nur den Einschluss eines Teiles der karantanischen Kroaten (neben dem viel breiteren Teil der anderen Karantanerslawen!) in die Edlingerschicht beweist, nicht aber die Gleichung »Edlinger = Kroaten« (Anm. 48, 53, 54). Auch die übrige Beweisführung zugunsten dieser Gleichung ist heute stark erschüttert. Die Erklärung des deutschen Namens Edlinger als einer Übersetzung des kroatischen »plemeniti ljudi« ist vom Hauptmann unterlassen worden (Anm. 56), seitdem er in den Edlingem den karantanischen Adel (und nicht nur Freibauern, Anm. 55) feststellte. Die Eigenschaften der kroatischen »plemenština«, welche auch bei den Edeltümem zu finden sind (Anm. 57), erstrecken sich nach Norden bis Polen und nach Südosten bis Dioklea und stellen somit keine kroatische Spezialität vor (Anm. 58); dasselbe gilt für die Fürsteneinsetzungszeremonien im Frühmittelalter (Anm. 59). Die Annahme einer kroatischen Herrenschicht über den Slawen, mit der Theorie eines eigentümlichen gesellschaftlichen Dualismus bei den Kroaten und Slovenen (Anm. 60) verbunden, ist auch für Dalmatien sehr stark umstritten (Anm. 61, 63, 64); die neuere Forschung zeigte die Spuren einer breiteren Schicht der freien Bevölkerung und die Fragwürdigkeit der allgemeinen Geltung der Gleichung »huba Sclavonica = huba servilis« (Anm. 62). Hauptmann führt als »entscheidend« die philologische Verbindung »kasendzb—Kosentzes (im Berichte Konstantins Porph. einer der kroatischen Führer während ihrer Übersiedlung nach Dalmatien)« (Anm. 65), aber die Übersicht des philologischen Streites über den Ursprung des Namens »kosezi, kasazi« (Anm. 67—73, 83—89) und ihrer toponomastischen Grundlagen (Anm 76—82; Legendezeichen VII d.Karte) zeigen — mit der offenen Frage über die Unterlage des Namens Kosentzes bei Konstantin Porph. zusammen — dass bisher die Philologie keinen selbstständigen Beweis zugunsten der kroatischen Theorie — oder wider sie — dem Historiker zur Verfügung stellte.
So wird in dem dritten Abschnitt die historische Wahrscheinlichkeit der kroatischen Theorie (s. ihre Zusammenfassung, Anm. 90) geprüft. Sie kann in einer eng begrenzten und korrigierten Form — in welcher der Schwerpunkt der geschichtlichen Entwicklung jedenfalls in den geschichtlichen Vorgängen in Karantanien und nicht bei den Kroaten als den Herren über die Slawen und den Trägem einer neueren Entwicklungsrichtung zu suchen ist — noch immer als eine Möglichkeit bestehen, obzwar sie auch in dieser Form verschiedene gewichtige Einsprüche nicht beseitigen kann und nicht bewiesen ist. Somit ist auch eine andere Theorie möglich, welche die kroatischen Siedlungsspuiren nur mit der Zerstreuung eines Teiles der Kroaten aus Weisskroatien hinter den Karpaten in der Mitte des VI. Jhdts. nach dem Unterkarpatengebiet, wegen der awarischen Einbrüche von der unteren Donau durch das Hinterkarpatengebiet gegen die Franken, und mit der späteren weiteren Verbreitung dieser Splitter während der allgemeinen slavischen Besiedlung der Ostalpen erklärt (Anm. 46, 106). Der slawische Aufstand gegen die Awaren ist nicht mit den Migrationen, sondern mit den wachsenden inneren Gegensätzen in der Konföderation der awarischen und slavischen Stämme, welche ja seit ihrer Entstehung in dem wirtschaftlichen Dualismus (Nomaden — Ackerbauer) den immer drohenden Todeskeim trug (Anm. 107—109), zu erklären. Die Edlinger können als die Heeresmacht des Karantanerfürsten eklärt werden (wahrscheinlich als seine Gefolgschaft; die Slawen wurden mit dieser Form noch um die Mitte d. VI. Jhdts. im Unterkarpatenland bekannt Anm. 113), der Ursprung des Namens »kosezi, kasazi« muss aber vorderhand noch immer offen bleiben (er könnte entweder von den Kroaten gebracht werden, oder im Laufe der Siedelungsreisen von den Langobarden unter den Karpaten oder von der einheimischen Bevölkerung in der neuen Heimat — vgl. altbailkanisch »kasiggas« = Häuptling — übernommen werden; Anm. HO—113).
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Hrčak ID:
327468
URI
Publication date:
1.7.1960.
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